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Mittwoch, 18. Oktober 2017

Hermann Weinhart – Pionier seiner Zeit

Kompanieführer Hermann Weinhart
Kompanieführer Hermann Weinhart

Hermann Weinhart wurde am 7. November 1850 in München geboren. Als Spenglermeister und Blitzableitersetzer tätig, erlangte er Ende des 19ten Jahrhunderts überregionale Bekanntheit als Hersteller innovativer Feuerwehrrequisiten wie beispielsweise der „Weinhart'schen Balanceleiter“. Er wurde als „Hoffeuerwehrgeräthefabrikant“ bezeichnet.

Darüber hinaus war Weinhart viele Jahre aktives Mitglied der Feuerwehr in Sendling, damals die 6. Kompanie der Freiwilligen Feuerwehr München. Am 10. April 1895 trat er bei der Sendlinger Feuerwehr die Nachfolge von Andreas Ostler als Kompanieführer an. Dieses Amt übte er mehr als 17 Jahre bis zum 25. August 1912 aus.

Er starb 69-jährig am 2. Dezember 1919. Wenige Tage nach seinem Tod erschien vom Münchner Journalist und Schriftsteller Josef Benno Sailer ein Nachruf mit dem Titel „Erinnerungen“ in der Presse, der Hermann Weinhart von seiner unternehmerischen aber auch humorvollen Seite zeigt:


Erinnerungen

Mit dem vor einigen Tagen gestorbenen Feuerwehrlöschgerätefabrikanten Hermann Weinhart ist aus der Münchner Geschäftswelt ein Mann voll seltener Arbeitskraft, Schaffensfreude und Erfahrung geschieden. Die noch in frischer Erinnerung stehenden, technisch hervorragenden, von der Firma Weinhart ausgeführten Ausbesserungsarbeiten am Petersturm, den Weinhart im Laufe der Zeit nahezu hundertmal bestiegen hat, an der Theatinerkirche, bei deren Neueindeckung 1904 und 1912 er hervorragenden Anteil nahm, und an der Befreiungshalle bei Kehlheim, deren hochgewölbten Kuppelbau er kurz vor Kriegsausbruch in umfassender Weise zu sichern hatte, sind unvergeßliche Leistungen. Und dieses besonders deshalb, weil bei all den schwierigen Arbeiten Weinhart sich die nötigen sinnreichen Gerüstvorrichtungen und Leitern selbst konstruiert und in eigener Werkstätte angefertigt hat.

Organisatorisch bewährte sich Weinhart als Führer der Freiwilligen Feuerwehr Sendling; von seiner vielfachen Tätigkeit auf anderen Gebieten seien erwähnt u. a. die Denkschrift über die Entbehrlichkeit von Blitzableiteranlagen in jenen Gebäuden, in denen sich Wasser- oder Gasleitungen befinden und seine Vorschläge zur Ausgestaltung des Geländes am versickernden Hachingerbach. Technisch interessant ist auch, wie vollkommen er die überschüssige Wärme aus seiner Werkstätte zur Heizung für die darüber gelegene Wohnung ausnützte, eine für unsere Zeit der Heizmittelnot lehrreiche und nachahmenswerte Einrichtung.

Trotz seines vielseitigen und angestrengten Schaffens fand Weinhart Zeit genug, mit seinem angeborenen Humor die Mitmenschen zu erfreuen. In dieser Beziehung war Weinhart ein Original von trockner, drastischer Eigenart. Wer sich mit ihm auf ein Wortgeplänkel einließ, konnte sicher sein, schlagfertig abgeführt zu werden, und es kam dem „Onkel“, wie er scherzweise genannt wurde, nicht darauf an, seine Gegner gehörig einzutauchen; in Sendling kann mancher ein Liedlein davon singen.

Sein Kraftsprüche und bilderreichen Vergleiche hätten verdient, gesammelt zu werden, als Münchner Sprachdokumente. Nur einige Beispiele: Einmal lag bei Wintersturm eine solche Masse Schnee auf den Straßen, daß es mit dem besten Willen nicht möglich war, mit dem Räumen der Bürgersteige nachzukommen. Als aussichtslos gab Weinhart deshalb das Schneeschaufeln auf. Bald erschien ein eifriger neugebackener Schutzmann und forderte ihn ziemlich harsch auf, sofort den Gehsteig vom Schnee frei zu halten, widrigenfalls Weinhart angezeigt werde. Weinhart schaute den Vertreter der öffentlichen Gewalt von oben bis unten an und sprach dann gelassen die klassischen Worte: „Ja, soll i vielleicht 'n Schnee auffanga?“ Wutschnaubend meldete der Schutzmann diesen krassen Fall von Widersetzlichkeit dem Wachtmeister. Der aber lachte und belehrte seinen Untergebenen auf: „Ja mei, so darf man 'n Weinhart net kemma!“

Original Nachruf aus dem Jahre 1919
Original Nachruf aus dem Jahre 1919

Eines schönen Tages entstand in Sendling das Gerücht, daß andern Morgens um 10 Uhr, Ecke der Ohlmüller- und Entenbachstraße, Zeppelin zu sehen sei. Richtig war schon vor der genannten Stunde eine Menge Neugieriger am Platz, die sich mehr und mehr verstärkte. Um 10 Uhr kam auch Weinhart hinzu. „Na habts'n scho g'sehg'n?“ fragte er seine Bekannten, die bereits Schlimmes wittern begannen. „Schaugt's halt auffi da“, sagte Weinhart und deutete lachend auf die Tafel „Zeppelinstraße“, die an jenem Morgen neu angebracht worden war. Gerade konnte er sich noch durch einen Sprung auf einen Straßenbahnwagen vor der Volksjustiz retten.

Im Peterhof saß zu Mayer-Sepps Zeiten einst eine Frühschoppenrunde beisammen, darunter der dicke Metzgermeister H., der plötzlich auffallend auf seinem Stuhl hin und her rutschte, einen roten Kopf bekam und zu klagen anhub: „I' woaß gar net wia mir is heut', mir steig'n allweil d' Hitzen auf, grad als wann mi' da Schlag treffa wollt'!“ — Immer unbehaglicher wurde dem Armen, auf einmal sprang er, wie von einer Terantel gestochen, mit einem Schrei auf und schaute unter den Stuhl. Da war des Rätsels Lösung — eine brennende Kerze unter dem statt des Sitzbrettes mit einer Blechplatte versehenen Stuhl, den Weinhart eigens erstellt hatte, ein Spaß, dem später noch mehr zum Opfer fielen.

Eine Spezialität Weinharts waren seine Wetten, die er immer gewann. So hatte er einmal mit einem Sendlinger Bürger gewettet, daß er ihm die Ohren schwarz mache. Man wird begreifen, daß der Betreffende von da ab ein Zusammensein mit Weinhart vermied. Es verging ein Vierteljahr, ohne daß etwas geschah, und die Wette kam ins Vergessen, aber nicht bei dem Anreger. Es war die Zeit der Wahlen und auch in der Lindwurmstraße ging es in einem Wahllokal ziemlich lebhaft zu. Auf einmal sagte Weinhart: „Liebe Freunde, ihr werds wohl no wissen, was i' mit 'n M. g'wett' hab'. Gebts Obacht, wenn er jetzt rei'kommt.“ Es dauerte nicht lang, da erschien der Wettgegner — der Arme hatte richtig beide Ohren kohlschwarz. Weinhart hatte ihn durch einen Helfershelfer in Wahlangelegenheiten an ein Telephon rufen lassen, dessen beide Hörrohre er vorher mit Ofenruß bestrichen hatte. In seinen alten Tagen noch, im Fasching 1914, wettete Weinhart, er käme, was bis dahin noch keinem gelungen war, in das Damenkränzchen, das alljährlich die Damen der Gesellschaft Frohsinn unter sich veranstalteten. Und der 64jährige Weinhart ließ sich den Vollbart rasieren, maskierte sich mit Hilfe einer bekannten Friseuse als Dame und kam wirklich ungehindert in das Damenkränzchen, wo man ihn erst nach geraumer Zeit unter riesigem Halloh erkannte und dann nicht mehr fortließ.

Zum Schlusse nun, wie er mich selbst „erwischte“. Es war zur Zeit der Kreuzreparatur der Theatinerkirche, als er mich einlud, mit ihm das Gerüst zu besteigen. Das Gerüst hörte an der Kuppelwölbung auf, zur Laterne führten nur frei sich anlegende Leitern, weshalb ich angeseilt wurde. Als ich bis über die Mitte der Wolkung geklettert war, spannte sich plötzlich das mich haltende Seil. Oben wurde so fest angezogen, daß ich die Leiter loslassen mußte und dann eine Weile frei in der Luft schwebte, was keineswegs angenehm war. Da hörte ich Weinhart schreien: „Ja, Meier, was machen S' denn; nachlassen, Herrgott no mal!“ Man ließ mich wieder runter auf die Leiter und ich kam mit heftigem Knieschnackler glücklich aufs oberste Gerüst, wo sich Weinhart in scheinheiliger Weise wegen der Ungeschicklichkeit seines Poliers entschuldigte. Später erfuhr ich, daß er mit einem Geschäftsfreund gewettet habe, er werde mich an der Laterne (so heißt der oberste Teil der Kuppel) am nächsten Tage zappeln lassen. Und dort oben, 2 Meter über dem Kuppelkreuz, lud er mich ein, mit ihm Bruderschaft zu trinken. Nach den kurz zuvor gemachten Erfahrungen, blieb mir nichts anderes übrig, als der freundlichen Bitte Folge zu leisten. Er zog zwei Flaschen Bier aus seiner Joppe und so feierten wir die höchste Verbrüderung, die wohl je in München erfolgte. Dann fragte er: „Woaßt eigentli, warum i di o'seil'n hab lassen? — Weil a Journalist nia schwindelfrei is!“

J. B. Sailer


  • Fachberatung und Recherche: Angela Stilwell
  • Quellennachweis:
    • Foto Hermann Weinhart: Festschrift „60 Jahre Freiw. Feuerwehr Sendling 1869-1929“
    • Pressetext: „Münchner Neueste Nachrichten“ Nr. 506 vom 12.12.1919 (StadtA München, ZA-Pers Weinhart, Hermann)