Die Eisenbahnkatastrophe in München

Am Pfingstmontag vor 100 Jahren, am 24. Mai 1926, kam es zu einem folgenschweren Eisenbahnunfall in München. Mindestens 28 Tote und 274 Verletzte waren zu beklagen.

Die Eisenbahnkatastrophe in München

Erforderlich war ein umfangreicher Einsatz von Berufs- und Freiwilliger Feuerwehr. Kurz vor dem heutigen Bahnhof Leuchtenbergring war ein aus Salzburg kommender Personenzug mit etwa 60 km/h auf einen langsamfahrenden Personenzug aus Berchtesgaden aufgefahren. Unfallursache: ein übersehenes Blocksignal, das erst wenige Tage vor dem Unfall, nach zwei Jahren, nun wieder in Betrieb gesetzt wurde, laut anderer Quelle ein Defekt am Signal.

Der Unglücksort lag südlich des damaligen Gaswerks. Auf dem früheren Gaswerk-Areal befindet sich heute der Busbetriebshof Einsteinstraße.

Thomas Gaulke stellte uns freundlicherweise zwei Dokumente aus seinem Archiv zur Verfügung, die Rettungsarbeiten und Erkenntnisse beschreiben:

  • 25. Mai 1926: Artikel in Münchner Neueste Nachrichten (Vorgängertitel der Süddeutschen Zeitung)
  • 15. Juni 1926: Bericht in der Zeitung für Feuerlöschwesen

Die Eisenbahn-Katastrophe beim Ostbahnhof – Die Hilfstätigkeit

Artikel in den Münchner Neueste Nachrichten vom Tag nach dem Unglück

» Der Unfall ist um 10 Uhr 30 nachts eingetreten. Der Führer der Sanitätskolonne, technischer Eisenbahninspektor Grüner, war 10 Minuten nachher im Bahnhof zur Stelle, der Vorstand der Betriebsinspektion 12 Minuten nach dem Unfall.

Die in der Station anwesenden Sanitätsleute wurden zunächst im Bahnhof selbst von den hereingetragenen Verletzten in Anspruch genommen und als sich mehrere Sanitätsleute dann meldeten, wurde mit dem in München-Ost hinterstellten Rettungswagen zur Unfallstelle gefahren. Schon geraume Zeit vorher waren die sofort alarmierte Berufs- und Freiwillige Feuerwehr und auch Sanitäter, die mit eigenem Auto angefahren waren, an Ort und Stelle gekommen.

Der Gerätewagen des Betriebswerkes München-Ost wurde von dieser Werkstätte zur Unfallstelle gebracht. Mittlerweile traf auch der Rettungs- und Gerätzug mit Mannschaften von München-Hauptbahnhof ein. Die Verletzten mußten teilweise mit Sägen und Äxten, teilweise mit autogenen Schweißapparaten aus ihrer furchtbaren Lage befreit werden.

Neben den genannten örtlichen Stellen und Hilfsmannschaften war an der Unfallstelle die Sanitätskolonne Pasing, die Bergwacht und die Eisenbahnrettungsmannschaft München-Hauptbahnhof anwesend (Anm.: Pasing war bis 1938 selbstständige Stadt). Alle diese Stellen arbeiteten mit größter Hingabe und anerkennenswerter Aufopferung und unterstützten das Personal der Eisenbahn-Betriebswerke aufs wirksamste. Am ersten waren anwesend Obermedizinalrat Dr. Zeilmann, Zahnarzt Dr. Geißendorfer und Dr. Müller, der Kreisleiter der Sanitätswache, Sanitätsrat Dr. Lochner sowie mehrere andere Aerzte. Fast alle Verletzten und Toten konnten bis gegen 1 Uhr nachts geborgen werden.

Die blaue und grüne Polizei, das Pionier-Batallion waren ebenfalls kräftig helfend zur Stelle. Auch sie stellten sich mit bester Kraft aufopfernd in den Dienst des Rettungswerkes. Ebenso waren Bürgermeister Scharnagl und Stadtrat Wagner, sowie Beamte des Stadtbauamts, ferner Oberregierungsrat Tenner und Regierungsrat Eber von der Polizeidirektion anwesend. Von der Reichsbahndirektion waren der Präsident, der Betriebs- und Maschinentechnische Referent bald an der Unfallstelle erschienen, dann die Vorstände der Maschineninspektion München I und II, sowie der stellvertretende Vorstand der Bausinspektion. Die Aufräumungsarbeiten sind in vollem Gange. «

Die Eisenbahnkatastrophe in München

Bericht in der Zeitung für Feuerlöschwesen Nr. 12 vom 15. Juni 1926

» Die große Eisenbahn-Katastrophe am Pfingstmontag, den 24. Mai, nachts nach 10 ½ Uhr in München-Ostbahnhof dürfte in ihren technischen Einzelheiten vom Standpunkte der Tätigkeit und der Erfahrungen der Feuerwehr auch das Interesse unserer Leserkreise besitzen.

Wir können von einer Wiederholung des in der Tagespresse wohl allgemein bekannt gegebenen Hergangs dieser höchst bedauerlichen und folgenschweren Katastrophe absehen und wollen nur den feuerwehrtechnischen Teil besprechen.

Am 24. Mai 1926 10 Uhr 53 Min. meldete der Betriebsleiter des städt. Gaswerks am Kirchstein (Anm.: dort heute Busbetriebshof) durch Staatstelefon, daß auf den südlich des Gaswerkes gelegenen Bahngeleisen der Linie Rosenheim zwei Personenzüge zusammengestoßen seien, die Feuerwehr möchte zu Hilfe kommen.

Der mit dem alarmierten Rettungsfahrzeug von der Hauptfeuerwache ausrückende Brandoberingenieur veranlaßte noch vor der Abfahrt die Alarmierung der Feuerwache 5 der Berufsfeuerwehr, sowie der Abteilung 5 (Anm.: Au) der freiwilligen Feuerwehr, sowie sämtlicher zur Verfügung stehender Krankentransportwagen des Rettungsdienstes.

Bei fast gleichzeitigem Eintreffen dieser Feuerwehrabteilungen an der Unglücksstätte bot sich ein Bild grauenhaftester Art. Die Passagiere beider überfüllter Züge verließen, soweit nicht verletzt oder gar tot, eben in größtem Schrecken die Wagen, beherzte Männer griffen sofort hilfsbereit zu, die vielen, vielen Verletzten und auch Tote, soweit diese aus ihrer unglücklichen Lage ohne besondere Hilfsmittel befreit werden konnten, zu bergen.

Da bei der großen Zahl stark beschädigter Wagen und der ständig wachsenden Zahl der Verletzten und mit Rücksicht auf die langwierigen Bergungsarbeiten vieler in den Trümmerhaufen festgeklemmter Schwerverletzter und Toter die Besatzungen der ausgerückten Feuerwehrabteilungen sich in kurzer Zeit als zu schwach erwiesen, wurde von der Unglücksstätte aus sofort die Alarmierung eines Löschzuges der Hauptfeuerwache, sowie weiterer 5 Abteilungen der freiwilligen Feuerwehr veranlaßt, ferner um die Abstellung von Sicherheitspolizei und von Pionieren ersucht. Außerdem wurde Bolzmaterial angefordert und in einer Meldung das Eintreffen zahlreicher Aerzte als dringend notwendig bezeichnet.

Inzwischen trafen auch die Sanitätskolonne München sowie die Hilfszüge und Eisenbahnerpersonal vom Ostbahnhof und von München-Hauptbahnhof ein und konnte mit großen und zweckentsprechenden Hilfsmitteln das traurige und schwierige Rettungswerk tatkräftig einsetzen.

Die ohne besondere Schwierigkeiten erreichbaren Verletzten und Toten waren in kurzer Zeit geborgen, aber eine große Zahl unglücklicher Menschen war unter den Trümmern oder in den ineinander geschobenen Wagen derartig eingekeilt, daß Sägen, Aexte, Meisel, Winden und 6 autogene Schneidapparate in Anwendung kommen mußten, um die Aermsten aus ihrer Notlage zu befreien.

Besonders viele Opfer befanden sich unter dem Untergestell eines die Böschung hinabgeschleuderten Amerikanerwagens (Anm.: USA-typischer Großraumwagen, vor 1920 in Europa, im Gegensatz zu Abteilwagen, selten eingesetzt). Hier befanden sich Tote in einem grausigen Menschenknäuel unter der hinteren Plattform eingekeilt. Das Aufwinden dieses Wagenteiles war nur mit 4 großen, schweren Eisenbahnwinden möglich und erforderte stundenlange schwere Arbeit. Wenn Zahlen Worte sprechen, dann ist mit der Zahl 23 der noch in der Nacht geborgenen Toten, sowie mit der Zahl über 100 meist schwer verletzter Personen wohl genügend gesagt.

Leider hat sich die Zahl der Toten durch Ableben weiterer Schwerverletzter inzwischen auf 28 erhöht.

Auch unsere Bilder zeugen von der Schwere der Katastrophe. Bild 1 zeigt den über die Böschung hinabgeschleuderten Amerikanerwagen, unter dessen rückwärtiger Plattform (auf dem Bilde rechts) die Toten und Schwerverletzten ein Menschenknäuel bildeten. Das Untergestell mußte zur Bergung der Verunglückten mit 4 großen Eisenbahnwinden aufgewunden werden. Oben steht die fast unbeschädigte Lokomotive des aufgefahrenen Zuges. Bild 2 zeigt den abgescherten Aufbau des Amerikanerwagens. Bild 3 zeigt die 3 ersten ineinandergeschobenen Wagen des aufgefahrenen Zuges.

Die Aufnahmen erfolgten gegen Morgen, als die Tätigkeit der Feuerwehr bereits beendet war, die Pioniere und das Eisenbahnpersonal sind mit den Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Bis 3 Uhr morgens waren bis auf einige schwer eingekeilte Tote alle zu Schaden gekommenen Personen geborgen. Das Gros der an der Unglücksstätte erschienenen Feuerwehr-Abteilungen konnte schon gegen ½ 2 Uhr zur Einrückung befohlen werden.

Die Feuerwehren waren mit 13 Fahrzeugen und 207 Mann an der Unglücksstätte erschienen. Vereint mit der Sanitätskolonne, mit der Aezteschaft, mit dem Bahnpersonal, mit den Pionieren und sonstigen freiwilligen Helfern haben die Feuerwehren in diesem Falle wieder Glänzendes geleistet.

Der der Berufsfeuerwehr angegliederte Rettungsdienst hatte mit 6 Krankentransportwagen 63 Transporte zu erledigen, weitere Transporte erfolgten durch die Sanitätsautos der Bergwacht, der Sanitätskolonne Pasing (Anm.: bis 1938 selbstständige Stadt) und durch Privatautomobile. Die auf den Feuerwehrfahrzeugen mitgeführten Zeiß-Scheinwerfer, von denen 10 Stück in Verwendung waren, haben ganz hervorragende Dienste geleistet.

Besonders hat sich hierbei die Einrichtung bewährt, daß bei den hiesigen Feuerwehrfahrzeugen die zur Speisung dieser Scheinwerfer und zur Fahrzeugbeleuchtung dienenden Batteriekästen mit wenigen Handgriffen abnehmbar sind und mit den Scheinwerfern an die Unglücksstätte verbracht werden konnten.

Hierdurch erübrigen sich hier lange Kabelleitungen, die gerade im vorliegenden Falle infolge der großen Entfernungen und der Kabelführung über zahlreiche Bahngeleise und Dämme überhaupt unmöglich gewesen wären.

Was hat nun diese Katastrophe an allgemeinen Gesichtspunkten noch für wichtige Lehren für derartige Hilfeleistungen ergeben?

Ein außerordentlicher wichtiger Punkt ist bei Nacht eine ausgiebige und rasche Beleuchtung der Unglücksstätte. Zum Glück ist unsere Beleuchtungstechnik, wie hier am Ostbahnhof bewiesen, auf der Höhe. Die Zeit der Fackeln ist vorüber. Elektrische Zeiß-Scheinwerfer, bahneigene Azetylen-Scheinwerfer älterer und neuerer Konstruktion haben wesentlich zum raschen Gelingen der Bergungsarbeiten beigetragen, auch hat sich bei letzteren nicht ein einziger Unglücksfall ereignet.

Es ist bei Eisenbahnkatastrophen ferner erforderlich, möglichst bald zahlreiche und gut ausgerüstete Hilfskräfte an die Unfallstelle zu entsenden. Insbesondere aber müssen die in den Haupt-Bahnstationen bereit stehenden und best ausgerüsteten Hilfszüge mit größter Beschleunigung abgestellt werden.

Denn nur mit den in den Wagen dieser Hilfszüge reichlich vorhandenen Großkampfmitteln kann wirksam eingegriffen werden. Bei solchen schweren Eisenbahnunfällen erweisen sich die normalen Hilfsmittel der Feuerwehr, wie sie sonst bei Verkehrs-, Bau usw. Unfällen mit gutem Erfolg ihrer Aufgabe erfüllen, als viel zu schwach und unzureichend.

Daß insbesondere autogene Schneidapparate in genügender Anzahl und das mit solchen Apparaten vertraute Bedienungspersonal zur Verfügung stehen müssen, bedarf wohl keiner besonderen Begründung.

Da bei den Arbeiten mit autogenen Schneidapparaten stets Wasser zur Hand sein muß, sowohl zum Auffüllen der Apparate älterer Konstruktion als auch zum Ablöschen durch den Feuerstrahl der Apparate inbrandgesetzter Holzteile, so ist sofort für die Bereitstellung von Wasser (Handfeuerlöscher) Sorge zu tragen.

Ein großes Glück war im Falle München-Ostbahnhof, daß kein Gasbehälter beschädigt wurde, und ausgeströmtes Gas nicht zur Entzündung gekommen ist. Denn wenn hier auch noch Eisenbahnwagen Feuer gefangen hätten, so wären die Folgen wohl unabsehbar gewesen.

Und ein weiteres Glück war es im Unglück, daß sich die Katastrophe kurz vor den Toren der Großstadt ereignete, von der aus dank der guten Einrichtungen (Feuerwehr, Sanitätsdienst usw.) sofort mit großen und wirksamen Mitteln und Kräften eingegriffen werden konnte.

Wehe aber, wenn sich ein solches Unglück bei Nacht auf freier Strecke weit entfernt von ausgiebiger Hilfe usw. ereignet.

Eine weitere Lehre dürfte sich aus der entsetzlichen Katastrophe ergeben haben, nämlich die Notwendigkeit der Abhaltung gemeinsamer Uebungen der Feuerwehren und Sanitätskolonnen unter Beziehung der Eisenbahnhilfszüge, wenigstens in jenen Städten, die diese letztere Einrichtung besitzen.

Nicht nur die Feuerwehren und die Sanitätskolonnen, sondern auch diese Hilfszüge müssen Schlagfertigkeit besitzen, und diese muß geübt werden, dann ist auch zu hoffen, daß im Ernstfalle das Zusammenwirken und die Hilfeleistung aller berufenen Organisationen den gewünschten Erfolg zeitigen werden.

Wir wollen auch aus dem Münchner Eisenbahnunglück wieder lernen und unsere Abwehrmaßnahmen gegen solche entsetzliche Katastrophen, sowie unsere Hilfsmittel und unsere Hilfeleistungen entsprechend darnach gestalten. «

Quellennachweis:

  • Text: Zeitung für Feuerlöschwesen Nr. 12/1926, Historisches Archiv Thomas Gaulke, München
  • Fotos: Zeitung für Feuerlöschwesen Nr. 12/1926, Historisches Archiv Thomas Gaulke, München, Branddirektion München

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